Warum scheitern Lesevorsätze so oft?
Lesevorsätze scheitern meist, weil das Ziel zu groß und der Auslöser zu vage ist. Wer sich eine Stunde täglich oder ein Buch pro Woche vornimmt, erlebt jeden ausgefallenen Abend als Niederlage. Eine winzige, feste Tagesmenge, die an eine bestehende Routine gekoppelt ist, hält man viel leichter durch.
Der zweite Gegner ist das Handy. Um zehn Uhr abends auf dem Sofa gewinnt es gegen jedes Buch, vor allem nach einem langen Arbeitstag. Ein Teil des Plans unten besteht deshalb schlicht darin, das Buch näher zu legen als das Smartphone.
Und dann ist da der Anspruch. Viele greifen nach Jahren ohne Buch zu einem dicken Klassiker, weil man den ja gelesen haben sollte, und bleiben nach dreißig Seiten stecken. Das sagt nichts über deine Lesefähigkeit, sondern nur etwas über die Wahl des Einstiegs.
Vier Handgriffe vor der ersten Seite
Erledige sie an Tag null, bevor du überhaupt zu lesen beginnst.
- Ein leichtes erstes Buch wählen. Nimm etwas, worauf du Lust hast, nicht etwas, das du lesen solltest. Ein Krimi mit kurzen Kapiteln, ein Erzählband oder ein Sachbuch zu deinem Hobby trägt dich durch die ersten zwei Wochen besser als Thomas Mann.
- Den Auslöser festlegen. Formuliere einen Wenn-dann-Satz: „Wenn ich in der S-Bahn sitze, lese ich fünf Seiten.“ Oder: „Wenn ich nach dem Abendessen den Tisch abgeräumt habe, setze ich mich mit dem Buch aufs Sofa.“ Peter Gollwitzer hat gezeigt, dass solche Pläne mit fester Zeit und festem Ort die Umsetzung von Vorsätzen verbessern.
- Das Buch dorthin legen, wo der Auslöser passiert. Leg es aufs Kopfkissen, auf die Sofalehne oder in die Tasche, die du jeden Morgen mitnimmst. Das Handy kommt während der Lesezeit in ein anderes Zimmer oder an die Steckdose auf der anderen Seite des Raums.
- Festlegen, was zählt. Fünf Seiten oder fünf Minuten, je nachdem, was du wählst, ergeben ein Kreuz. Mitten im Kapitel aufzuhören ist erlaubt. In den ersten zwei Wochen geht es nicht um die Menge, sondern ums Dranbleiben.
Deine ersten vierzehn Tage
Pass die Zahlen an dein Tempo an. Der Ablauf ist wichtiger als die genauen Werte.
| Tage | Was du machst |
|---|---|
| Tag 1 bis 3 | Fünf Seiten oder fünf Minuten zum festgelegten Auslöser. Hör auf, auch wenn du weiterlesen willst. Wer mit Appetit aufhört, greift am nächsten Tag lieber wieder zum Buch. |
| Tag 4 bis 6 | Gleicher Zeitpunkt, gleiche Menge. Achte darauf, was dich unterbricht, und verleg Handy oder Buch entsprechend. |
| Tag 7 | Rückblick auf die erste Woche: Wie viele Kreuze, und zu welcher Tageszeit ging es am leichtesten? |
| Tag 8 bis 10 | Auf zehn Seiten oder zehn Minuten erhöhen, wenn fünf zu wenig waren. Waren sie es nicht, bleib bei fünf. |
| Tag 11 bis 13 | Menge halten. Lies einmal an einem anderen Ort, im Wartezimmer, im Café oder in der Mittagspause, und schau, wie gut die Gewohnheit mitreist. |
| Tag 14 | Kreuze zählen und die Menge für die nächsten zwei Wochen festlegen. Schreib dir den Titel auf, den du als Nächstes lesen willst, oder merk ihn in der Stadtbibliothek vor. |
Was eine kleine Tagesmenge über ein Jahr ergibt
Die Rechnung geht von einem Taschenbuch mit etwa 300 Seiten aus.
| Pro Tag | Seiten im Jahr | Bücher à 300 Seiten im Jahr |
|---|---|---|
| 5 Seiten | 1.825 | etwa 6 |
| 10 Seiten | 3.650 | etwa 12 |
| 15 Seiten | 5.475 | etwa 18 |
| 20 Seiten | 7.300 | etwa 24 |
Was mache ich, wenn ich einen Lesetag verpasse?
Einen verpassten Lesetag holst du nicht nach. Das Feld bleibt leer, und am nächsten Tag liest du deine fünf Seiten wie gewohnt. Laut einer Studie des University College London von 2010 hat eine einzelne Lücke kaum Einfluss auf die Gewohnheitsbildung. Entscheidend ist, nicht zweimal hintereinander auszusetzen.
Verpasst du häufig Tage, verkleinere zuerst die Menge, bevor du irgendetwas anderes änderst. Zwei Seiten an jedem Tag bringen der Gewohnheit mehr als zwanzig Seiten an zwei Tagen pro Woche.
Nach den ersten zwei Wochen
In derselben Studie dauerte es 18 bis 254 Tage, bis ein Verhalten ein stabiles Automatisierungsniveau erreichte, im Median 66 Tage. Zwei Wochen sind also nur der Anfang. Führ die Kette auf einem Monatsblatt weiter und lass die Menge mit deiner Lust wachsen, nicht mit einem Zielwert.
Hörbücher und E-Reader sind völlig in Ordnung, wenn du sie tatsächlich nutzt, ob nun auf dem Weg zur Arbeit oder beim Spaziergang. Die Onleihe deiner Bibliothek ist ein günstiger Weg, verschiedene Formate auszuprobieren. Auslöser, Minimum und sichtbare Kette sind wichtiger als das Format.
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Kostenlosen Habit Tracker öffnenHäufige Fragen
- Wie lange dauert es, eine Lesegewohnheit aufzubauen?
- Das ist sehr unterschiedlich. In der Lally-Studie von 2010 reichte die Zeit bis zur Automatisierung von 18 bis 254 Tagen, der Median lag bei 66. Rechne eher mit einigen Monaten als mit einigen Wochen, bis es sich mühelos anfühlt.
- Lieber vor dem Schlafen oder morgens lesen?
- Nimm den Zeitpunkt, den du am zuverlässigsten freihalten kannst. Vor dem Schlafen ist beliebt, aber wenn dir nach zwei Seiten die Augen zufallen, probier die Zeit nach dem Abendessen oder die Fahrt zur Arbeit.
- Was, wenn mich das Buch nicht mehr interessiert?
- Wechsel ohne schlechtes Gewissen. Die Gewohnheit ist das tägliche Lesen, nicht das Beenden jedes Titels. Mach mit einem anderen Buch weiter und kreuz den Tag ganz normal an.
- Zählen Hörbücher auch?
- Sie zählen, wenn du das vorher festlegst. Schreib die Regel aufs Blatt, zum Beispiel zehn Minuten Hörbuch gleich ein Kreuz, und halte dich jeden Tag daran.
Quellen
Woher die Fakten auf dieser Seite stammen:
- How are habits formed: Modelling habit formation in the real world, European Journal of Social Psychology, Lally, van Jaarsveld, Potts and Wardle, 2010
- Implementation intentions: Strong effects of simple plans, American Psychologist, Peter M. Gollwitzer, 1999